Universität Halle und Franckesche
Stiftungen
1694 und 1698
Aufklärung und Pietismus in Halle
2. Die Franckeschen
Stiftungen als Zentrum des Pietismus
Mit dem Neuen an der jungen Fridericiana
ist das Wirken August Hermann Franckes verbunden, der als Professor für
Griechisch und orientalische Sprachen und gleichzeitig als Pfarrer an
der St. Georgenkirche zu Glaucha1 arbeitete. Unter seinem
Einfluss fasste der Pietismus auch an der Universität Fuß.
Der Pietismus war eine im 17. Jahrhundert entstandene, im 18. Jahrhundert
zu voller Blüte gekommene religiöse Erneuerungsbewegung, ein
kontinentaleuropäischer Protestantismus. Gleicherweise in der lutherischen
wie in der reformierten Kirche entstanden, drang der Pietismus auf Individualisierung
und Verinnerlichung des religiösen Lebens und führte zu durchgreifenden
Veränderungen in Theologie und Kirche. Er besann sich auf die Reformation
und erhob den Anspruch, die unvollendet gebliebene Reformation
zu Ende zu führen bzw. die Reformation der Lehre durch eine zweite
Reformation des Lebens zu ergänzen. Der Leipziger
Professor Feller reimte 1689:
Was ist ein Pietist?
Der Gottes Wort studiert und nach demselben auch ein heiliges Leben
führt.2
Der Kopf des Pietismus in Preußen war Philipp
Jacob Spener. Unter seinem und Thomasius' Einfluss erhielt die hallische
Universität eine pietistisch geprägte theologische Fakultät
als Ausdruck des Bündnisses zwischen Frühaufklärung und
Pietismus.
Zu diesen Pietisten gehörte auch der Theologe August Hermann Francke,
der am 7. Januar 1692 nach Halle kam. Er begann sofort mit seinen Vorlesungen
an der entstehenden Universität und seiner Tätigkeit als Pfarrer
an der Georgenkirche, unmittelbar an der Stadtgrenze zu Halle in der Vorstadt
Glaucha. Francke geriet schnell an den erbitterten Widerstand der orthodoxen
lutherischen Geistlichkeit in Halle. Diese warf ihm und seinen Anhängern
u. a. das Abweichen von der reinen Lehre vor und betrachtete deren Wirken
mit äußerstem Misstrauen, besonders, nachdem die Predigten
Franckes und andere Zusammenkünfte einen Zulauf aus der ganzen Stadt
erhielten. Nahrung erhielten die Anschuldigungen auch durch Franckes Radikalität
in Glaubensfragen. Der junge Francke, der durch
sein tiefes Glaubenserlebnis sein Leben ganz in den Dienst Gottes stellte,
wurde in wenigen Jahren der Begründer des hallischen Pietismus, einer
Frömmigkeitsbewegung ..., die den reinen kindlichen Glauben an Christus
und die Erlösung der erstarrten lutherischen Orthodoxie entgegenstellte.3
Er wollte das christliche Leben durch tätigen Humanismus erneuern.
In Halle gelangten pietistische Praxis und pietistischer Glaube zur Geltung,
um eine Gesellschaftsreform zu bewirken, die sich nicht mit der Sorge
für die Armen und Entrechteten, Kranken und Trinker im Ort begnügte.
In seiner Gemeinde in Glaucha fand Francke bei seiner Ankunft eine unvorstellbare
religiöse Verwahrlosung vor. Die zahlreichen Wirtshäuser waren
an den Sonntagen überfüllt. Francke drängte deshalb zunächst
auf Sonntagsheiligung. Das Glauchische Gedenkbüchlein
(1693), von dem er jedem Haus seiner Gemeinde ein Exemplar schenkte, gab
Anweisungen zur Heiligung des Sonntags. Mit seinem Glauchischen
Gedenkbüchlein erreichte Francke jedoch nicht die unteren,
des Lesens unkundigen Volksschichten. Bei der wöchentlichen Almosenverteilung,
in der es für die Armen Brot wie seelische Erbauung durchs
Wort Gottes gab, erschreckte ihn die bei Alten und Jungen zu Tage
tretende Unwissenheit. Damit die Armen wenigstens ihre Kinder zur Schule
schicken konnten, sammelte Francke unter Studenten und Bürgern für
das Schulgeld. Die Kinder holten das Schulgeld zwar ab, gingen aber trotzdem
in keine Bildungseinrichtung. Zu Ostern 1695 fand Francke in der Almosenbüchse
eine Summe von 4 Talern 16 Groschen. Dieses hielt er für ehrlich
Capital davon man etwas rechtes stiften sollte; wie
er später oft sagte. Noch am gleichen Tag stellte Francke einen Studenten
als Lehrer an und kaufte Bücher.
Die Armenschule war gegründet. Das Wachstum der aus kleinen Anfängen
entstehenden hallischen Anstalten ist erstaunlich und ohne jeden Vergleich.
Der nächste Schritt war die Umwandlung der Armenschule in ein Internat,
da Francke feststellte, dass außerhalb der Schule wieder verdorben
wurde, was man in der Schule gebaut hatte. Sodann gründete
er mit Geldern auswärtiger Freunde und Gönner, ein Waisenhaus.
Seinen Mitarbeiter Georg Heinrich Neubauer sandte er 1697/98 nach Holland,
um das dort blühende Waisenhauswesen zu studieren. Schon 1698 begann
er mit dem Bau eines Hauptgebäudes, das in seinen schlossähnlichen
Ausmaßen alle bürgerlichen Bauten übertraf. Vom Kurfürsten
erhielt er 1698 ein Privileg, welches das Waisenhaus der Magdeburger Regierung
entzog und unmittelbar dem Kurfürsten unterstellte. Es sollte gleichsam
als Annex der Universität betrachtet werden. Im Unterschied
zu den älteren Waisenhaushospitälern dominierte von Anfang an
der Erziehungsgedanke. Frömmigkeit und Tüchtigkeit waren die
beiden Ausbildungsziele, die Francke der Waisenhausarbeit vorschrieb und
an denen sich die Pädagogen seiner Schulanstalten orientierten. Unter
Studenten und Kandidaten suchte er geeignete Lehrer. Bald hatte sich herumgesprochen,
dass der Unterricht in Franckes Glauchaer Armenschule besser war als in
den hallischen Bürgerschulen. Auch wohlhabende Bürgerinnen und
Bürger begannen, ihre Kinder zu Francke in die Schule zu geben. Schon
nach zwei Jahren konnte er eine höhere Schule gründen. Um die
Jahrhundertwende lag bereits das ganze System der Franckeschen Schulanstalten
fertig vor. Franckes Schulen waren der herrschenden Drei-Stände-Ordnung
angepasst. Den Grundstock bildeten die Deutschen Schulen, die Volksschulen
für den Bauern- und Handwerkerstand, die innerhalb des Anstaltskomplexes
den größten Raum einnahmen. Im Todesjahr Franckes 1727 bestand
das Personal der deutschen Schulen aus 4 Inspektoren, 98 Lehrern, 8 Lehrerinnen
und 1 725 Kindern. Für die Begabteren führte der Weg aus der
Deutschen Schule in die Lateinische Schule, die der Vorbereitung auf das
Universitätsstudium diente. Sie war für die künftigen Pfarrer,
aber auch Juristen, Mediziner und Kaufleute bestimmt. Auf den Bänken
dieser Schule saßen Kinder aus dem Bürgerstand neben Kindern
aus den ärmeren Schichten. Damit hatte Francke das Bildungsprivileg
der oberen Stände durchbrochen. Die Lateinische Schule hatte bei
Franckes Tod 3 Inspektoren, 32 Lehrer und 400 Schüler. Schließlich
kam dazu eine Ausbildungsstätte für den Regierstand,
also für Offiziere und höhere Staatsbeamte. Das organisatorisch
vom Waisenhaus getrennte Pädagogium war als Adelsschule konzipiert,
jedoch offen für Kinder begüterter auswärtiger bürgerlicher
Eltern. Ein nicht unbedeutender Teil des preußischen Offizierskorps
und der höheren Beamtenschicht ist durch das hallische Pädagogium
regium gegangen. Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf und Hans Hermann
von Katte, der Jugendfreund Friedrichs des Großen, sind die bekanntesten
Absolventen dieser Anstalt, die sich durch eine besonders günstige
Relation von Lehrerinnen und Lehrern zu Schülerinnen und Schülern
auszeichnete. Das Pädagogium regium hatte bei Franckes
Tod einen Inspektor, 27 Lehrkräfte und 82 Schülerinnen und Schüler.
Mit der Einrichtung von Schulen war es nicht getan.
Um den Lehrenden eine pädagogische Ausbildung zu geben, gründete
Francke 1699 eine eigene Lehrerbildungsanstalt. Ein Seminarium selectum
praeceptorum kam 1707 dazu.
Einen separaten Zweig des Waisenhauses bildete das Druck-
und Publikationswesen. Bereits 1697 begann Heinrich Julius Elers (1667-1728)
einen Buchhandel, von dem man 1701 zur Einrichtung einer Druckerei überging.
Der Waisenhausverlag, der mit den Schriften Philipp Jacob Speners begann,
errang bald einen ebenbürtigen Platz neben den älteren lutherischen
Erbauungsverlagen Endter in Nürnberg und Stern in Lüneburg.
Schließlich gründete Francke eine Bibelanstalt, in der Bibeln
und Neue Testamente mit dem bis dahin im deutschen Buchdruck noch unbekannten
Stehsatz gedruckt wurden. Die Pläne hierzu kamen von Elers. Das notwendige
Kapital zum Erwerb der beim Stehsatz benötigten großen Menge
an Lettern beschaffte der Freiherr Carl Hildebrand von Canstein (1667-1719),
der wegen seiner weiten Beziehungen und seines Einflusses am Berliner
Hof bedeutendste Mitarbeiter Franckes. Nach ihm erhielt diese Bibelanstalt,
die erste auf der Welt, später seinen Namen (1710 Hallische Bibelanstalt,
seit 1775 Cansteinsche Bibelanstalt). Die in Halle gedruckte Bibel und
das Neue Testament konnten dank des Stehsatzes zu einem erheblich geringeren
Preis abgegeben werden als frühere Drucke. Tatsächlich ist erst
durch die Hallische Bibelanstalt die Bibel wirklich ein in alle Schichten
dringendes Volksbuch geworden. Die Lutherbibel, von 1522-1626 in schätzungsweise
200 000 Exemplaren (Vollbibeln und Neue Testamente) gedruckt, wurde allein
in den wenigen Jahren von 1712 bis zum Tode Cansteins 1719 in ca. 100
000 Neuen Testamenten und 80 000 Vollbibeln auf den Markt gebracht. Im
ganzen 18. Jahrhundert belief sich die Zahl der hallischen Bibeldrucke
auf ca. 2 Millionen.
Schließlich gehörten zu den Franckeschen
Stiftungen auch medizinische Einrichtungen. Christian Friedrich Richter
(1676-1711), Arzt am Waisenhaus seit 1697, wurde zum Begründer der
Waisenhausapotheke, einer pharmazeutischen Fabrik mit eigenem Labor und
einer Versandabteilung für Heilmittel. Der durch seine Liederdichtungen
bekannte Waisenhausapotheker erfand zahlreiche Arzneien, darunter die
Essentia dulcis, deren Vertrieb dem Waisenhaus reichen Gewinn
einbrachte.
Wachstum und Gedeihen der hallischen Anstalten sind dem Ideenreichtum
und der Willenskraft Franckes ebenso zu verdanken wie der Förderung
durch auswärtige, häufig adlige Freunde, der Protektion durch
den preußischen Staat, der Anwendung modernster ökonomischer
Praktiken und nicht zuletzt dem selbstlosen Einsatz vieler Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter, die Francke für sein Werk gewann und die - oft unter
Verzicht auf Ehe und Familienleben - sich ganz dem Aufbau der Anstalten
hingaben. Francke selbst sah darin einen praktischen Gottesbeweis, eine
öffentliche Selbstbeweisung Gottes vor aller Welt.
Die Fußstapfen des noch lebenden und waltenden liebreichen
und getreuen Gottes waren denn auch der Titel der Schriftenreihe,
mit der Francke seit 1701 der Welt seine hallischen Anstalten vorstellte.4
Das pädagogische Konzept leitete Francke aus seiner Zielsetzung ab,
allzeit das Geistliche und Leibliche zugleich an seine Zöglinge zu
vergeben. Das Geistliche hat dabei den Vorrang. Er wollte
die Triade böser Samen - üble Aufziehung - böse Frucht5
aufbrechen. Dabei spielte das christliche Arbeitsethos
des pietistischen Glaubens eine besondere Rolle. Der Mensch solle die
durch seine Sündhaftigkeit verlorene Ebenbildlichkeit mit Gott6
wiederherstellen, wenn er sich als Werkzeug Gottes bewährt. Daraus
leitete Francke zum einen ab, den Eigenwillen zu brechen,
d. h. den eigenen Willen unter den göttlichen zu stellen und zum
anderen die Vorbereitung auf die nützliche, die ökonomische
Tätigkeit als sicheren Weg zur Gottseligkeit durch Unterricht und
Erziehung zur Arbeit.7 Im täglichen Schulbetrieb
schlug sich dies nieder, wenn in allen Schulformen die Vorbereitung auf
das Arbeitsleben im Mittelpunkt stand. Insbesondere die Einbeziehung der
Realia, der Naturwissenschaft, hob die Schule Franckes von
anderen zeitgenössischen Schulen ab. Die Unterrichtsinhalte in den
Schulen der Stiftungen stimmen bei allen quantitativen und qualitativen
Unterschieden prinzipiell überein. So ist zu konstatieren, dass der
Unterricht im Christentum (Katechismus, Bibellesen, Betstunden) in allen
Schulen täglich mehrere Stunden beanspruchte. Der Rechen-, Schreib-
und Leseunterricht war auf die Bedürfnisse des praktischen Lebens
im jeweiligen Stand ausgerichtet. Orientierte sich der Rechenunterricht
in der Deutschen Schule an Rechenexempeln des täglichen Lebens, ging
es im Pädagogium in der Mathematik auch um die Schärfung des
Verstandes.
Die Internatszöglinge hielten sich die meiste Zeit im Inneren der
Anstaltsmauern auf. Nur zu bestimmten Anlässen durften sie unter
strenger Aufsicht nach draußen. Der Gang in Reih und Glied zu der
nahegelegenen Kirche St. Georgen und organisierte Spaziergänge durch
die Feldmark gehörten zu den wenigen Möglichkeiten, die Anstalten
zu verlassen.
Um den höchstmöglichen Erziehungseffekt zu erreichen, musste
das Leben der Zöglinge zwangsläufig bis ins Detail durchgeplant
sein. Der streng geregelte Tagesablauf ist sichtbares Merkmal dieser Erziehungsvorstellung.
Im Zentrum stand der Schulunterricht, der acht, später sieben Stunden
täglich erteilt wurde, nur mittwochs und samstags zwei Stunden kürzer
ausfiel und für die Zöglinge der Lateinschule um 1720 etwa so
aussah:
7 - 8 Uhr Theologie
8-10 Uhr Latein
10-11 Uhr Mathematik/Rechnen, Schreiben
14-15 Uhr Geschichte und Poesie
15-16 Uhr Griechisch
16-17 Uhr Hebräisch
17-18 Uhr Physik, Musik, Geografie.
Hinzu kamen regelmäßige wöchentliche
Veranstaltungen, wie die Kirchgänge und Vermahnungsstunden, bei denen
die Schüler auf aktuelle Miss-Stände hingewiesen und ihnen die
geltenden Anstaltsordnungen eingeschärft wurden. Selbst die tägliche
Freizeit war streng reguliert und mit Auflagen verbunden. Die individuellen
Gestaltungsmöglichkeiten waren gering. Der Spielraum bestand darin,
dass der Zögling in der Freizeit bisweilen zwischen mehreren vorgegebenen
Angeboten auswählen konnte. In der Regel wurde aber auch hier ein
festgelegtes Rekreationsprogramm verordnet, dem sich der Einzelne nur
schwer entziehen konnte.
Die strenge Regulierung des Anstaltslebens ging einher mit ausgeprägten
Kontrollmechanismen. Eine wichtige Voraussetzung hierfür war eine
funktionierende Hierarchie vom Pennäler bis hinauf zu August Hermann
Francke persönlich. Dieser stand allen Einzeleinrichtungen in den
Anstalten vor. Ab 1716 unterstützte ihn ein unmittelbar nachgeordneter
Subdirektor bei den mannigfaltigen Aufgaben. Im Bereich der Erziehungsanstalten,
speziell der Lateinschule, waren ab 1718 in nächster Instanz zwei
Inspektoren eingesetzt, die dem Subdirektor Rechenschaft ablegten. Von
Lehrverpflichtungen befreit, übten sie reine Aufsichtsfunktionen
über den Lehr- und Internatsbetrieb der Lateinschule aus. Die beiden
Inspektoren bewohnten eine eigene Stube im Internat und wechselten sich
damit ab, durch die Klassen zu gehen und den Unterricht zu überwachen.
Darüber führten sie Tagebuch. Den eigentlichen Unterricht erteilten
Präzeptoren. Diese wohnten auch mit den Zöglingen zusammen,
waren also gleichzeitig deren Lehrer und Erzieher, Begleiter bei Tag und
Nacht. In wöchentlichen Konferenzen kamen Inspektoren und Präzeptoren
zusammen, um alles Wichtige zu besprechen. Diese Informationskette bewirkte
eine sehr weitgehende Kontrollkette für jeden Anstaltsinsassen, nicht
nur für die Schüler, sondern ebenso für deren Vorgesetzte.
Besonders aber die Zöglinge führten ein gläsernes Leben.
Sie erhielten so gut wie keine Gelegenheit alleine zu sein: In der Schule
wurden sie natürlich im Verband unterrichtet. Für etwa 10 Schüler
stand ein Lehrer zur Verfügung. War der Schulunterricht beendet,
nahmen sie gemeinsam mit Hunderten anderen im großen Speisesaal
ihre Mahlzeiten ein. Spaziergänge wurden nur gruppenweise unternommen
und in den Schlafstuben war man mindestens zu viert untergebracht, die
meisten Kinder schliefen in erheblich größerer Schar beisammen.
Auch die Bauten der Schulstadt und besonders ihre Anordnung trugen zur
Transparenz des Anstaltslebens bei. Nicht ohne Grund stehen die Wohngebäude
aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts dicht beieinander, und
allein die 247 hofseitigen Fenster des langen Internatsgebäudes ließen
nie das Gefühl aufkommen unbeobachtet zu sein. Das
alles gehörte in das Erziehungskonzept der Anstalten, in dem Individualität
und Privatsphäre einen denkbar geringen Raum einnahmen.8
Der Unterricht in den alten Sprachen diente in der Armen- und Waisenschule
dazu, im späteren Beruf z. B. als Buchdrucker oder Buchhändler
bestehen zu können. In der Latina ging es im Studium der alten Sprachen
neben philologischen Kenntnissen um Sprachbeherrschung und -anwendung.
Die besondere Qualität des Unterrichts in den Stiftungen machte gegenüber
den anderen zeitgenössischen Schulen wohl auch die umfängliche
Einbeziehung der 'Realia', der Naturwissenschaften, aus, wofür Francke
sicher aus seiner Gothaer Schulzeit Impulse erhielt.
Allerdings unterschieden sich Latina und Pädagogium, also die höheren
Schulen, in ihrem Ziel und Anteil der praktischen Arbeit. Beschäftigten
sich die Pädagogisten mit Experimenten und Naturstudien,
so verrichteten die Waisenkinder Arbeiten in der Küche, in den Ställen,
in den Gärten und in den Handwerkseinrichtungen der Anstalt. Das
Wissen, das an Franckes Schulen vermittelt wurde, wollte handlungsfähig
machen, Einblicke in Sachzusammenhänge gewähren und echtes Verstehen
fördern. Anschauung des täglichen Lebens spielte genauso eine
wichtige Rolle wie die Anregungen zur Selbsttätigkeit und Motivation
zum Lernen. Die Lehrer sollten die individuellen Fähigkeiten der
Schüler erkennen und fördern. Die Stiftungen waren zur Zeit
Franckes in Zielsetzung und didaktischer Ausrichtung der Zeit weit voraus.
Als ein wichtiges Verbindungsglied zwischen dem Waisenhaus und der Universität
dienten lange Zeit die 1696 eingerichteten Freitische, eine
studentische Mensa, an der schließlich mehr als hundert bedürftige
Studenten täglich verpflegt wurden. Francke brachte die Mittel hierfür
durch rege Sammeltätigkeit unter pietistischen Gönnern und Freunden
auf. Die Vergabe der sehr begehrten Freitische machte er abhängig
von Mithilfe bei Unterricht und Erziehung in seinen Anstalten. Es darf
allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass sich Francke und seine Freunde
später von den Aufklärern Thomasius und Wolff distanzierten.
Ja, sie denunzierten Wolff beim preußischen König, was 1723
zu dessen Vertreibung aus Preußen unter Androhung der Todesstrafe
führte.
Das Ansehen der hallischen Universität nahm erheblichen Schaden.
Dem vorausgegangen waren Veränderungen im hallischen Pietismus, der
seine Flexibilität und Lebensnähe immer mehr verlor, was nach
Franckes Tod 1729 offen sichtbar wurde. Die pietistischen Querelen
in Halle und die Gründung der Universität Göttingen
im Jahre 1737 brachte der Alma mater halensis eine Stagnation ihrer Entwicklung.9
1
Glaucha war seinerzeit eine Amtsstadt vor den Toren von Halle,
heute ist es ein Teil der Stadt. zum Text
2 Wallmann,
Johannes: Der Pietismus. Ein Handbuch, Göttingen 1990, S. 8 zum Text
3 Raabe, Paul: Das hallesche
Waisenhaus. Halle/S. 1995, S. 9 zum Text
4 Vgl. Wallmann, Johannes:
a. a. O., S. 69 ff. zum Text
5 Ebert, Berthold: Einblicke
in August Hermann Franckes Pädagogik. In: Willard, Penelope (Hg.):
Die Franckeschen Stiftungen zu Halle an der Saale. 300 Jahre Latina, Halle
1996, S. 61 zum Text
6 Ebenda zum Text
7 Willard, Penelope (Hrsg.):
a. a. O., S. 62 f. zum Text
8 Willard, Penelope: a.
a. O., S. 44 f. zum Text
9 Speler, Ralf-Torsten:
Die Universität Halle - Wittenberg - Zentrum der Reformation, des
Pietismus und der Aufklärung. In: Biegel, Gerd (Hg.): Sachsen-Anhalt
- 1200 Jahre Geschichte - Renaissance eines Kulturraumes, Wolfenbütel
1993, S. 131 zum Text
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