Germanen und Slawen

6.-9. Jahrhundert

 

Das Zusammenleben von Germanen und Slawen im frühen Mittelalter im heutigen Sachsen-Anhalt

Das heutige Sachsen-Anhalt war zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert politisch und ethnisch zweigeteilt: In den Gebieten östlich von Elbe und Saale siedelten slawische Stämme, westlich der beiden Flüssen lebte der germanische Stamm der Sachsen. Durch Elbe und Saale wurde die Grenze markiert, die auch die Scheide verschiedener historischer Prozesse und unterschiedlicher Lebensweisen der Menschen links und rechts der beiden genannten Flüsse bildete.

In der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts gelangten Slawen auf der Suche nach größerem Siedlungsraum bis zur Elbe. Wie sich dieser Vorgang abgespielt hat, wann genau die ersten Stämme Saale und Elbe erreichten, ob das in geschlossenem zügigen Vordringen oder in Wellen geschah oder indem einzelne Säulen sich dem heutigen Sachsen-Anhalt näherten ist nicht mehr nachvollziehbar. Wahrscheinlich nutzten die Zuwanderinnen und Zuwanderer die Fließgewässer als natürliche Zugangswege.1 Da die Slawen die Flüsse nur an einzelnen Stellen überschritten und einzelne Gruppen von Germanen am Ostufer zurückgeblieben waren, entstand ein Gebiet, in dem beide Völker auch gemeinsam siedelten.
Die Slawen ließen sich großräumig in verschiedenen Stämmen nieder. Östlich von Elbe und Saale lebten die Westslawen, die Obodriten, Liutizen, Sorben und Lausitzer. Im anhaltischen Raum siedelten Sorben (Saale-Mulde-Gebiet) und Wilzen (Gebiet um Zerbst).
Slawen lebten in Dorfgemeinden und beschäftigten sich vor allem mit Ackerbau und Viehzucht. Um das Nahrungsmittelangebot zu bereichern, gingen sie auch auf Jagd, fingen Fische und sammelten Beeren, Muscheln, Früchte und Pilze. Handel und Handwerk waren weit entwickelt. Aufgrund von Rivalitäten zwischen den einzelnen Stämmen blieb den Slawen die Herausbildung eines dauerhaften staatlichen Gebildes verwehrt. Die Siedlungsgebiete der Slawen waren in Gefilde unterteilt, kleine Gebiete mit einer Ausdehnung von 10 bis 20 km. Diese lagen an Seen, Flüssen und Talrändern. Im Mittelpunkt eines Gefildes befand sich in den meisten Fällen eine Burganlage und, abhängig von der Fruchtbarkeit des Bodens, 5 bis 20 Siedlungen unterschiedlicher Größe. Insgesamt sind in den Gebieten an der Saale etwa 40 und zwischen Elbe, Saale und Oder mehr als 100 Burganlagen bekannt, die aus Holz und Erde gebaut wurden.

Im 8. Jahrhundert kam es zur Herausbildung und Festigung des großen germanischen Stammesverbandes der Sachsen.2 Teile des Sachsenstammes hatten die Franken bei der Zerschlagung des Thüringer Reiches (531) unterstützt und sich mit deren Zustimmung in thüringischen Gebieten niedergelassen. Sie entrichteten den Franken Tribute und sicherten die Grenzen zu den Slawen. Ihr Stammesterritorium unterteilten die Sachsen in Gaue. Einzelne Gaue unterstanden einem adligen Gauvorsteher. Da zu dieser Zeit noch kein sächsischer König existierte, wurde im Kriegsfall ein Herzog zum Anführer gewählt. Die beginnende soziale Differenzierung führte zu einer Schichtung in Adlige (Edelingen), Freie (Frilinge), Halbfreie (Liten) und Unfreie. Seit der Mitte des 8. Jahrhunderts verstärkten die Franken ihre Bemühungen, die Sachsen fester in ihr Reich einzugliedern. Dabei kam es auch zu fränkischen Missionsversuchen, die jedoch erfolglos blieben. Die Bekehrung zum Christentum war für die meisten Sachsen, die ja die fränkische Sprache nicht beherrschten, zunächst ein eher oberflächlicher Akt. Die „Annahme des Christentums” hielt nur so lange vor, wie Priester und fränkische Macht anwesend waren.3 Als besonderes Heiligtum galt den Sachsen Irminsul. Diese in einem geweihten Buchenhain stehende Holzsäule bedeutete für sie Sinnbild der Kraft, die das Weltall stützt. Das Heiligtum stand in der Eresburg (Obermarsberg an der Diemel) und wurde 772 von Karl dem Großen zerstört. Um den Widerstand der Sachsen gegen die Annahme des christlichen Glaubens zu überwinden, gingen die Prediger teilweise auf vorhandene heidnische Vorstellungen ein. „Christus wurde als Himmelsfürst gepriesen, dem der Krieger Treue schwört und der ihm dafür, so wie der Lehnsherr seinem Vasallen, in allen Nöten beisteht. Christus, dessen Macht über Himmel und Erde betont wurde, triumphierte über die Unzulänglichkeiten der alten Götter und bot Gewissheit für ein Leben nach dem Tode.”4
Die endgültige Integration der Sachsen in das fränkische Großreich gelang durch die schon von der damaligen fränkischen Geschichtsschreibung als langwierig, grausam und anstrengend bezeichneten Sachsenkriege Karls des Großen, die zwischen 772 und 804 geführt wurden. Die Hauptereignisse spielten sich dabei allerdings nicht in unserem Raum ab. Ostfalen wurde bis auf vereinzelte Übergriffe (780/795) verschont, da erhebliche Teile des Adels mit den Franken kooperierten und sich sehr bald bereit zeigten, das Christentum anzunehmen.
Zur administrativen Einordnung des sächsischen Territoriums trug die 782 von Karl dem Großen auf dem Reichstag von Lippspringe erlassene Grafschaftsverfassung bei. Von ihm eingesetzte Grafen (Burgwarde), unter denen sich auch viele sächsische Adlige befanden, verwalteten in seinem Namen ein bestimmtes Gebiet. Als seine Stellvertreter hielten sie Gericht, nahmen Steuern ein und überwachten den Bau von Burgen und Wegen. Im Kriegsfalle stellten sie das Heer zusammen und befehligten es. Im Gegensatz zum Adel leisteten die Bauern auch nach 782 weiterhin Widerstand und kämpften unter Widukind gegen die fränkische Herrschaft. Etwa 4.500 gefangene Rebellen sollen auf Weisung von Karl dem Große 784 in Verden an der Aller hingerichtet worden sein. 785, als der Sieg der Franken endgültig festzustehen schien, nahm Widukind die christliche Lehre an und leitete durch seine Taufe die Versöhnung seines Volkes mit dem vorher so erbittert bekämpften Gegner ein.
Die Franken unternahmen große Anstrengungen, um die westelbischen und westsaalischen Gebiete administrativ und militärisch fester in das Großreich einzubinden. „Im 8. Jahrhundert begannen die Franken mit dem Bau von Königshöfen und -pfalzen; so am Südrand des Harzes gegen die Sachsen, zur Sicherung des Südharzweges (Orte auf -hausen wie Sangerhausen), gegen die Slawen Grenzfestungen wie Magdeburg (um 800) und Halle (805/6). Sie sicherten Straßen, Flußübergänge und Pässe, lagen auf Felsen (Weißenfels), Flußspornen (Zerbst), an Flußmündungen (Salzwedel), auf Flußterrassen (Schönebeck) oder waren ursprünglich Wasserburgen (Staßfurt). Ganze Burgsysteme wurden aufgerichtet, an (Grenz-)Flüssen wie der Saale - Naumburg, Merseburg, Halle, Giebichenstein oder Wettin -, zur Sicherung bestimmter Räume . Die Burgen wurden beherrschende Teile des Siedlungsbildes, oft mehrgliedrig: Unter- und Oberburg mit Ringmauern und Türmen, Bergfried, Tor und Zugbrücke, Palas, Kemenate, Kapelle und Wirtschaftsgebäuden.”5 Die historisch bedeutendste Anlage der Burgbezirkssysteme war Merseburg, dessen sächsisches Umland am frühesten christianisiert werden konnte.6 802 wurde für die Sachsen das „Lex Saxonum” erlassen, ein Gesetz nach fränkischem Muster, das aber auch altsächsisches Volksrecht berücksichtigte. Damit war für die Eingliederung der westelbischen und westsaalischen Gebiete in das fränkische Großreich ein wichtiger Schritt getan.”

Auf dem Reichstag zu Paderborn (777) wurde unter dem Vorsitz von Karl dem Großen die Missionierung des sächsischen Gebietes zwischen Harz und Elbe besprochen. Dem Bischof von Chalons-sur-Marne wurde dabei das Gebiet von Osterwieck und Halberstadt als Missionsgebiet übertragen, während das Mansfelder und Quedlinburger Gebiet von Hersfeld aus betreut wurde.7
Große weltliche und geistliche Grundherrschaften, die sich allmählich in den westelbischen Gebieten herausbildeten, bedeuteten einen Schub für die wirtschaftliche Entwicklung des Raumes. Wichtigste Grundeigentümer waren die Reichsklöster in Hersfeld, Fulda, Corvey und Verden. Gemeinsam mit dem Erzbistum in Mainz, zu dessen Erzdiozöse das westelbische und westsaalische Gebiet gehörte, wurde versucht, die Bevölkerung zu christianisieren. Es entstand in Osterwieck ein Missionsstift, das aber nur von kurzer Dauer war, denn die Sachsen leisteten weiterhin militärischen Widerstand. Erst als kein neuer Aufstand mehr zu befürchten war, konnte 803 das Missionswerk wieder aufgenommen werden. Im Jahre 804 wurde das Stift weiter ostwärts in die nach einer Furt in der Holtemme benannte niederdeutsche Siedlung Alfurtested-Halberstadt verlegt. Ursache dafür war sicher die günstigere strategische Lage: sich kreuzende Verkehrswege, das Existieren einer Furt und die gute Randlage im Harzvorland: Halberstadt hatte eine direkte Straßenverbindung zu Münster, Osnabrück, Minden, Hildesheim und Corvey.8
Außerdem war die Bevölkerungsdichte rund um Halberstadt höher als in Seligenstadt. Zudem ließ der Platz, auf dem der Dom errichtet werden sollte, eine bessere Verteidigung zu, da er nach drei Seiten steile Hänge hatte.

Archäologische Untersuchungen haben ergeben, dass die Domburg bereits um das Jahr 800 einen Befestigungsgraben erhielt. Da die Gründungsurkunde des Bistums verloren ging, kann man nicht eindeutig sagen, wann genau dieses Ereignis stattfand. Die Entstehung des Bistums um 804 ist sicherlich den ersten Missionaren Halberstadts, Luidger und Hildegrim, beides Söhne einer der einflussreichsten Familien in Friesland, zu verdanken. Die Wahl fiel u. a. deshalb auf Hildegrim, da er mit der Sprache und den Gewohnheiten der Sachsen hinlänglich vertraut war und sich durch seine bisherige Arbeit die Gunst des Kaisers erworben hatte.

Mit der Herausbildung des Bistums Halberstadt war die Eingliederung des sächsischen Gebietes in das Frankenreich besiegelt, so dass sich die Feudalordnung weiter konsolidierte und sich das gesamte Gebiet zwischen Ohre und Unstrut/Helme, Harz und Elbe/Saale kirchlich-organisatorisch in einer Hand befand. Um 850 wurde das Osterwieck-Halberstädter Missionsgebiet und das Mansfeld-Quedlinburger Missionsgebiet zu einem einheitlichen Halberstädter Bistumsgebiet zusammengeschlossen. Es fasste schon zu einem frühen Zeitpunkt entscheidende Teile des heutigen Sachsen-Anhalts zusammen und stellte somit erstmals einen geschlossenen Kulturraum im heutigen Sachsen-Anhalt her.

Eine systematische Missionierung der Slawen auf der östlichen Seite von Elbe und Saale in fränkischer Zeit ist nicht belegbar, was wohl vor allem mit der nach wie vor unzureichend entwickelten Kirchenstruktur in Sachsen verbunden war.Erst mit der Gründung des Erzbistums Magdeburg konnte der Durchbruch erzielt werden, obwohl auf dem flachen Land die Slawen im Verborgenen lange ihre Religion ausgeübt haben. So beklagte sich 1108 Erzbischof Adalgot von Magdeburg über die starke Verbreitung des Heidentums in seiner Diözese und forderte dazu auf, dagegen etwas zu tun.9
Die Grenze zwischen den germanischen und slawischen Territorien kann zwischen dem 6. und 9. Jahrhundert nicht als scharfe Linie angesehen werden. Slawische Siedlungen lagen beiderseits von Saale und Elbe in Mischung mit germanischen Dörfern, auch ist das Nebeneinanderleben von Germanen und Slawen in einem Dorf belegbar.„Die Grenzorganisation des Elbe/Saale-Raumes bleibt allerdings im Dunkeln.”10
Sicher ist, dass es im Laufe der Jahrhunderte seit der Besiedlung immer wieder kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Germanen (Thüringern, Sachsen, Franken) und den slawischen Stämmen gegeben hat, die von beiden Seiten ausgingen. Es hat, zumindest zeitweise, Tributabhängigkeit der Slawen von den Franken gegeben.
Trotz oder durch die kriegerischen Auseinandersetzungen konnten die slawischen Stämme ihre Stellung konsolidieren und ihre gesellschaftliche wie politische Ordnung weiterentwickeln.

Wirtschaftsleben und geistige Kultur der Slawen standen in jener Zeit noch weit hinter den westlicher gelegenen Teilen des Frankenreiches zurück. Erst im 9. Jahrhundert befand sich das Land links der Elbe und Saale in einer verhältnismäßig raschen ökonomischen Entwicklung. „Seinen Ausdruck fand das u. a. im Diedenhofer Kapitular Karls des Großen aus dem Jahre 805, in dem die Grundsätze fränkischer Grenz- und Handelspolitik mit den Slawen fixiert wurden. Als Grenzhandelspunkte mit den Slawen wurden darin festgelegt: Bardowick an der Unterelbe, Schezla (genaue Lage unbekannt) in der Altmark, Magdeburg, Erfurt und Hallstadt bei Bamberg.”11 In diesen Orten waren fränkische Grenzgrafen eingesetzt, die den Handelsverkehr mit den Slawen zu überwachen hatten.
Für die Geschichte von Sachsen-Anhalt ist die Tatsache bedeutsam, dass Magdeburg ein Grenzhandelspunkt gewesen ist. Als es Karl der Große 805 zum Grenzhandelsort von Bedeutung erhob, lag das nicht an dem Vorhandensein eines blühenden Ortes, sondern ausschließlich an seiner Lage. Hier traf aus westlicher Richtung kommend der „Hellweg” ein, eine Handelsroute, die von Gandersheim über Goslar und Halberstadt führte. Außerdem gab es den „Hellweg vor dem Sandforde”, der über Hildesheim, Ohrum an der Oker und Seehausen führte. Die „Lüneburger Straße” über Braunschweig und Helmstedt führte ebenfalls zum Ziel Magdeburg. Östlich der Elbe, auf slawischem Gebiet fanden die Handelsrouten ihre Fortsetzung z. B. über Burg und Genthin nach Brandenburg bzw. Havelberg. Händler, die den Leipziger Raum anvisierten, nutzten die Route über Leitzkau, Zerbst, Jüterbog, Dessau oder Wittenberg. Hinzu kam eine Nord-Süd-Verbindung aus Erfurt über Aschersleben und Egeln, die über Tangermünde und Havelberg bis an die Ostsee führte. Nicht zuletzt war die Elbe selbst ein bedeutender Handelsweg.12

„Träger des über Magdeburg führenden Fernhandels waren nicht etwa magdeburgische oder regionale Kaufleute, sondern im wesentlichen jüdische Kaufleute ... Der frühmittelalterliche Handel war karawanenartig organisiert. Die Kaufleute passierten also nicht einzeln Magdeburg, sondern in großen Kaufmannskarawanen. Wie oft diese über Magdeburg fuhren, ist überhaupt nicht bekannt. Es ist möglich, dass dies nur einmal im Jahr geschah, was zu jahrmarktähnlichen Zuständen in Magdeburg geführt haben könnte.”13 Bevorzugte Handelsgüter waren dabei in germanisch-slawischer Richtung Salz, Tuche und Waffen und in umgekehrter Richtung Pelze, Honig und Sklaven.



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